VJS-Pressemitteilung: Pressemitteilung des Umweltministerium stellt Ergebnisse auf den Kopf
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Schwarzwildhegerichtlinie
Empfehlungen an die Mitglieder der VJS zur Bejagung des Schwarzwildes
Die Landesregierung hat gravierende Änderungen der Schwarzwildbejagung beschlossen. Seit dem 16. September 2009 gelten die beiden neu gefassten Paragrafen, die nachfolgend abgedruckt sind:
§ 62
Treibjagd auf Rot- und Schwarzwild
(1) Die Treibjagd auf Rotwild ist in der Zeit vom 16. Oktober bis 15. Januar als Ansitzbewegungsjagd auf einer zusammenhängenden bejagbaren Fläche von mindestens 200 Hektar zulässig.
(2) Die Treibjagd auf Schwarzwild ist in der Zeit vom 1. Februar bis 30. Juni verboten. In Jagdbezirken, in denen Rotwild auf Grund von Abschussplänen erlegt wird, gilt dieses Verbot in der Zeit vom 16. Januar bis 30. Juni.
§ 63
Jagdzeit auf Rot- und Schwarzwild
(1) Die Jagd auf Rotwild darf bis zum Ende des Jagdjahres 2013/2014 nur bis zum 15. Januar ausgeübt werden.
(2) Abweichend von § 1 der Verordnung über die Jagdzeiten vom 2. April 1977 (BGBl. I S. 531), zuletzt geändert durch Verordnung vom 25. April 2002 (BGBl. I S.1487), darf die Jagd auf Schwarzwild vorbehaltlich der Bestimmungen des § 22 Abs. 4 Satz 1 des Bundesjagdgesetzes ganzjährig ausgeübt werden. Künstliche Lichtquellen dürfen bei der Jagd auf Schwarzwild bis zum 31. März 2012 verwandt werden, sofern sie nicht mit der Schusswaffe verbunden sind.
Damit darf
1. mit Licht geschossen werden, unter Beachtung des Waffengesetzes, wonach es weiterhin verboten ist, künstliche Lichtquellen mit der Waffe zu verbinden. Auch an dem Verbot, Nachtzieltechnik zu verwenden, hat sich nichts geändert
2. ganzjährig auf jegliches Schwarzwild gejagt werden, ausgenommen führende Stücke
3. auch in der zweiten Januarhälfte noch Treibjagden durchgeführt werden, außer in den Revieren, in denen Abschusspläne für Rotwild aufgestellt werden (die Formulierung der Landesregierung ist äußerst unglücklich bzw. irreführend, weil im Saarland nirgends Rotwild ohne Abschussplan erlegt wird).
Der Vorstand der VJS hat sich in seiner Sitzung vom 17. Juni 2009 gegen die Aufhebung der Schonzeit und gegen das Schießen mit Licht ausgesprochen. Lediglich die Verlängerung der Treibjagdzeit wurde einvernehmlich mit der VJS beschlossen.
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Schwarzwildreduktion - Möglichkeiten und Unmöglichkeiten
Dass Schwarzwild wie keine andere größere Säugetierart in den letzten Jahrzehnten einen erheblichen Zuwachs bei weiträumiger Verbreitung realisieren konnte, ist nicht mehr nur aus wissenschaftlichen Fachpublikationen und der Jagdliteratur bekannt, sondern ist verstärkt auch der Tagespresse zu entnehmen.
Universalrezepte zur Reduktion des Schwarzwildes oder zur „Bekämpfung" der Art gibt es nicht, denn bereits Sozialsystem und Reproduktionsbiologie weisen in unterschiedlichen Landschaften und verschiedenen Jahren eine beachtliche Variationsmöglichkeit auf, so dass insbesondere Jäger, die die Situation „in den Griff" bekommen sollen, wissen müssen und umsetzen lernen, welche Maßnahmen in Frage kommen und welche in Frage gestellt werden können.
Grundsätzlich rekrutiert sich das Reproduktionspotenzial des Schwarzwildes aus hoher Frischlingszahl bei adulten Individuen und der Tatsache, dass bei guter Nahrungsverfügbarkeit bereits Frischlinge aufnahmefähig sind und erfolgreich Nachwuchs aufziehen können. Nahrungsverfügbarkeit und deren Erreichbarkeit sowie die Überlebensrate der Frischlinge bestimmen die Populationsentwicklung und ebenso das Gesamtareal des Schwarzwildes. Sein Vorkommen, das sich über große Teile Eurasiens erstreckt, lässt bereits mehr als vermuten, dass die Art evolutiv erfolgreiche Anpassungsmechanismen entwickelt hat. Begrenzt wird das natürliche Vorkommen und die Dichte durch winterliche Kälteperioden, andererseits durch Trockenheit, was beides an die Nahrungsverfügbarkeit und Nahrungsproduktion der Landschaften gekoppelt ist.
Verluste beispielsweise durch lange Frostperioden oder durch große Prädatoren, die im Gesamtareal nicht nur Wölfe und Bären, in geringerem Umfang auch Luchse sondern ebenso Tiger, Indische Löwen und natürlich der Mensch sind, kompensiert Schwarzwild durch eine hohe Nachkommenzahl. Sowohl Prädation als auch Kälte betrifft überwiegend die Frischlinge, während vitale, adulte Individuen Notzeiten überstehen können und aufgrund der Wehrhaftigkeit ein oft zu großes Risiko für den Beutegreifer darstellen.
Sind Frischlingsverluste hoch, steigt die Bedeutung der Entnahme von Reproduktionsträgern, also den Bachen, um eine Bestandsreduktion herbeizuführen. Bei hoher Überlebensrate der Frischlinge, was nur unter günstigen Umweltbedingungen erreicht wird, mindert sich die Bedeutung erhöhter Bachensterblichkeit insbesondere dadurch, dass Frischlingsbachen bereits ab dem 5. Lebensmonat (Aufbruchgewicht ab 22 kg!) erfolgreich Nachwuchs produzieren und das Gros der Population unter Gunstbedingungen darstellen.
Von dieser Situation ist aufgrund von verringerten Frosttagen sowie erhöhter Frequenz von Teil- und Vollmastjahren (insbesondere Buche und Eiche) derzeit in Mitteleuropa auszugehen. Ziel einer auf Reduktion ausgelegten Bejagung muss also eine hochintensive Bejagung der Frischlinge sein, wobei daneben auch Bachen nicht geschont werden dürfen, sofern sie nichtführend sind und nicht die Leitbachenfunktion innehaben. Der Leitbachenabschuss führt in der Regel zu einer Zersplitterung der Rotte, wobei eine Angliederung an andere Rotten nach mehreren Wochen erfolgen kann (Müller 2009). Während dieser „führungslosen" Periode ist die Rate des Beschlags von Frischlingen wahrscheinlich erhöht, so dass dies die Progressivität ansteigen lässt. Während die hormonelle Steuerung bzw. Unterdrückung der Rausche bei Frischlingen nicht nachgewiesen ist, kommt der Leitbache in der Rotte die Funktion der Nichtduldung von Keilern und Überläuferkeilern zu. Dadurch verhindert sie mechanisch, also durch Abschlagen, den Beschlag der jungen weiblichen Stücke. In der Gesamtbetrachtung hat dieser Effekt wahrscheinlich nur einen geringen Einfluss auf die Populationsdichte, allenfalls wird die Geschwindigkeit der Vermehrung durch Anwesenheit der Leitbache verringert. Dennoch ist festzustellen, dass bei derzeitigem Populationsstatus die Erlegung alter Bachen nur eine untergeordnete Rolle spielt. Selbst wenn unter der Annahme, dass nur 30 % aller Frischlinge und 40 % der Überläuferbachen überleben und alle (!) älteren Bachen erlegt werden, steigt die Population unter Idealbedingungen weiter an.
Berechnet werden solche Populationsprognosen nach so genannten Leslie-Matrix-Modellen (vgl. auch Bieber & Ruf 2005), die auch die Ernährungssituation mitberücksichtigen können. Idealbedingungen sind mitteleuropäische Laubwälder mit hohem Buchen und Eichenanteil bei benachbarter Lage zu Hochleistungsackerflächen. Geht man von 1000 ha Waldfläche aus, die mit 200 ha fruktifizierenden Buchen und Eichen bestanden sind, ist selbst bei geringerer Mastleistung mit 2000 kg (bis 11.000 kg bei Eiche sind möglich) Frucht je Hektar zu rechnen. Für die Modellrechnung bei 1000 ha Wald ist bei 200 ha fruchttragenden Bäumen mit 400 Tonnen Mast zu rechnen. 14 Kirrungen auf 1000 ha Waldfläche (ca. 75 ha / Kirrung und 3 kg / Tag) bedeuten dagegen ca. 15 Tonnen Mais bei ganzjähriger Beschickung aller Kirrungen. Das Angebot an Feldfrüchten stellt, wenn auch zeitlich beschränkt, eine ähnlich „unerschöpfliche" Nahrungsgrundlage wie die Mast der Waldbäume dar. Ein moderner Weizenschlag produziert selbst bei geringen Bodenpunkten selten weniger als 6.000 kg je Hektar.
Die ordnungsgemäß beschickte Kirrung dürfte in Anbetracht der Nahrungsressourcen unserer Landschaft kaum der Motor für stärkeres oder schnelleres Wachstum sein, zumal sich hier laut Streckenangaben bis zu 40 % der jagdlichen Erfolge erzielen lassen. Allerdings dürfen Kirrungen keinesfalls zu Fütterungen und Ablageplätzen von menschlichen Nahrungsresten missbraucht werden und ebenso sollte die Kirrmenge bei Getreide deutlich unter 3 kg je Tag liegen. Die Kirrjagd muss als ein wesentliches Element der Schwarzwildreduktion angesehen werden. Wenn das Ziel Reduktion erreicht werden will, muss bei jeder Möglichkeit ein Frischling unabhängig seiner Gewichtsklasse erlegt werden. Gleiches gilt für Überläuferbachen und ältere „Beibachen", sofern sie nicht führend sind. Angeblich „nicht verwertbare" Frischlinge sind eine ungenügende Ausrede für eine Verschonung unter den heutigen Bedingungen und Zielen der Schwarzwildjagd, zumal auch Hasen bei gleicher Gewichtsklasse einen vorzüglichen und beliebten Braten abgeben. Angesichts der im Saarland niedrigen Kosten für eine Trichinenprobe sollte sich jeder Jäger einmal vor Augen führen, wie sich der allgemeine finanzielle Einsatz für die Jagd darstellt. Für einen verhinderten Wildschaden im Grünland sind selbst 100 Trichinenproben eine zu vernachlässigende „Belastung". Einen zusätzlichen Anreiz über Frischlingsprämien (< 10 kg) durch das Land zu schaffen, wäre dennoch der Problemlösung wahrscheinlich nicht abträglich.
Effektive Schwarzwildjagd lässt sich jedoch nicht auf die Kirrjagd beschränken. Während die Zeitkapazitäten für die Ansitzjagd in vielen Revieren annähernd ausgeschöpft sind, sind Bewegungsjagden als winterliche (revierübergreifende) Drückjagd oder die „Erntejagden" am Mais sicher noch zu optimieren. Hier werden bereits bei der Organisation an den Jagdleiter hohe Anforderungen in puncto Sicherheit wie Effizienz gestellt und grundsätzlich werden eingearbeitete Sauenmeuten und in der Schießfertigkeit trainierte Jäger benötigt. Beschränkungen in der Gewichtsklasse des zu erlegenden Schwarzwildes müssen im Einzelfall evtl. überdacht werden, denn besondere Bedingungen erfordern besondere Maßnahmen.
Eine Reduktion des Schwarzwildes kann nur in der Kombination der Jagdarten gelingen. Laut Modellrechnungen können wir bei der heutigen Schwarzwildpopulation davon ausgehen, dass weniger als 20 % eines Frischlingsjahrgangs überleben dürfen, was angesichts der geringen natürlichen Sterblichkeit unter den gegebenen Lebensbedingungen eine enorme jagdliche Leistung abverlangt. Nur 30 % der Überläuferbachen sollten im Bestand verbleiben, wenn 50 % der älteren Bachen überleben. Leider ist es aufgrund der fehlenden Information zu Bestandsgrößen nicht möglich, diese Prozentwerte in konkrete Zahlen zu fassen. Anhaltspunkte könnte eine genetische Differenzierung der erlegten Sauen (über Trichinenprobe wäre eine Probenbeschaffung unproblematisch) im Saarland liefern. Über mathematische Modelle wäre somit eine Bestandsschätzung aufgrund des genetischen Musters wahrscheinlich möglich, allerdings ist nicht zu erwarten, dass im Saarland dafür Gelder aufgebracht werden.
Ergänzend zu gebräuchlichen Jagdmethoden ist ernsthaft über den Einsatz von Saufängen nachzudenken. Professionell eingesetzt ist dies die ökosystemverträglichste Methode zur Dezimierung der Bestände. Wenn Schäden auf bejagbaren Flächen und in befriedeten Bezirken zunehmen, Jagden zu Spottpreisen verpachtet werden und die Schweinepest vor der Tür steht, ist keine Zeit mehr, über jagdliche Ethik oder Lebenseinstellungen zu diesem Thema zu diskutieren.
Schließlich kursieren dramatisch anthropozentrische, unreflektierte Ideen, um der Lage Herr zu werden. Über den Einsatz von Gift wurde sicher nicht nur in der lothringischen Bauernschaft nachgedacht, selbstverständlich ohne die Folgen für andere Wildtiere zu bedenken. Noch relevanter ist die Diskussion um den Einsatz der Pille fürs Schwarzwild. Hier ist die Wirkung subtiler als bei Gift, aber für das Ökosystem sicher weitreichender. Das Verbringen von Hormonködern in die Landschaft bleibt eine begrenzt selektive Methode, bliebe jedoch die einzig realisierbare. Welche Tiere davon Teile aufnehmen, ist nicht kalkulierbar und die Wirkung der Hormone kann auch bei anderen Arten nicht ausgeschlossen werden, was wiederum auf deren Populationsbiologie Wirkung zeigen wird. Hormonbelastete Waldtümpel mit seltenen und dann fortpflanzungsunfähigen Amphibien können ebenso Folge sein wie unbefruchtete Vogeleier. Zudem stellt sich die Frage, wie sich hormonbelastetes Wildbret vermarkten lässt oder ob Schwarzwild künftig als Sondermüll verbrannt werden muss. Da wir nicht einmal die Zahl des Schwarzwildes in unserer Landschaft kennen, bleibt die Frage, wie häufig und wie viel Hormonköder ausgebracht werden sollen, ohnehin unbeantwortet.
Um solch katastrophale Diskussionen und gegebenenfalls Handlungen zu verhindern, müssen alle Jäger an einem Strang ziehen und sämtliche Möglichkeiten der Bejagung ausschöpfen, was für manche ein Umdenken und für alle eine große Herausforderung bedeutet.
Dr. Daniel Hoffmann